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Das Tagebuch des Leuchtturmwärters

von am 03.03.2014 15:12, Rubrik literarisches


13. März
Der Wind hat nach Westen gedreht. Die Möwen, die Haubentaucher, Albatrosse sind ins Landesinnere geflogen. Heute Nacht kommt ein Sturm. Ich werde die Fenster vernageln.

Bin in der Mitte der Nacht aufgewacht. Therese ist neben meinem Bett gestanden. Sie hat geweint. Kurz glaubte ich das Heulen des Windes zu hören, dann war es still. Kein Regen, kein Brechen der Wellen. Draußen eine graue Finsternis. Während sie sich an mich klammerte glaubte ich durch die vernagelten Fenster dichten Nebel aufsteigen zu sehen. Eine beunruhigende Stille lag über uns.

14. März
Der Nebel hängt über uns. Er drückt auf unser Gemüt. Der Turm und die Insel ist alles was zu existieren scheint. Es ist kalt und still. Immer noch. Egal wie ich meine Tochter beruhige, muss ich mir doch eingestehen, dass ich nicht in die Stille hinaus kann. Wir bleiben im Turm und warten. Noch haben wir genug zu essen.

16. März
Der stille Sturm hält an. Heute Morgen habe ich ihre Sachen in das Lichtnest hinaufgeschafft. Die metallbeschlagene Tür erweckt mir mehr vertrauen als die morsche Tür zum Turm. Neben der Hohldochtlampe ist zumindest die Gewissheit nicht im Dunkel zu bleiben in den Nächten.
Sie fragt mich was mit uns passiert. Mir fallen keine Antworten mehr ein. Ich werde in den Nebel gehen. Über die Landbrücke das Festland aufsuchen. Hilfe holen.

17. März
Es sieht so aus als hätte der Nebel das Festland verschlungen. Ich bin stundenlang über die feuchten Steine gelaufen, aber es scheint kein Weg zurück an Land zu führen. Mit einem Schauer erinnere ich mich an das Gefühl, das ich in der ersten Nacht hatte, als Therese zu mir kam. Das Heulen und die plötzliche Stille. In einem kurzen Moment bildete ich mir ein die Insel würde durch den Kosmos getragen, gleitend auf einem Meer aus Nebel. Ich erzähle ihr nichts von meinen Gedanken. Auch nicht das ich eine Stimme gehört habe. Kurz glaubte ich eine Frau auf den Felsen zu sehen.
Das Geschehen ist schon schlimm genug. Ich sage ihr an Land geht es den Leuten nach dem Sturm nicht gut; dass sie krank sind und wir ihnen einige Zeit fernbleiben müssen. Dieser verfluchte Nebel muss irgendwann verschwinden.
Die Dunkelheit der Nacht ist überwältigend. Am Tag das Leichenlicht der Nebel, Nachts die Finsternis. Die Stille war nicht das schlimmste. Therese hört etwas. Sie sagt gestern ist etwas die Turmtreppe zu ihr empor gestiegen. Sie hat ein nasses Geräusch gehört. Ich sagte ihr an mir sei niemand vorbeigekommen. Ich habe auch wirklich nichts gehört. Das Turmfenster war nass, als hätte es hereingeregnet. Ich habe ihr nichts gesagt. Aber die nächste Nacht verbringe ich auf den Turmtreppen. Den Schlüssel zu ihrem Zimmer habe ich immer bei mir.

18. März
Ich bin während der Wache eingeschlafen. Meine Frau ist mir erschienen. Wie sie unserer Tochter ähnelt. Sie saß an den Klippen und weinte. Als ich mich ihr näherte deutete sie auf etwas hinter mir. Immer wieder schrie sie in die Dunkelheit während ich auf sie zuwankte. Wie ein Betrunkener auf schwachen Knien schleppte ich mich vorwärts.
Als ich erwachte reinigte ich zuerst die Treppen von den Wasserlacken und klopfte dann an Thereses Tür. Erst nach einiger Zeit war sie bereit mir zu öffnen. Sie war sehr verstört, sprach von Geräuschen auf der Treppe und von ihrer Furcht. Sie wollte gehen, flehte mich an endlich weg vom Wasser gehen zu dürfen. Es fiel mir schwer mir noch Gründe einfallen zu lassen, aber ich brachte nicht übers Herz ihr zu sagen, dass die Landbrücke verschwunden war. Ich belog sie wieder und schaffte es noch einmal sie zu beruhigen.

20. März
Die Träume kommen immer unerwarteter. Unermüdlich wache ich vor Thereses Tür.
Oft höre ich sie weinen. Einmal am Tag bringe ich ihr Essen nach oben. Sie spricht nicht mehr mit mir. Sie ist blass. Nachts sehe ich ihre Mutter. Jetzt lächelt sie, wenn ich zu ihr komme. Wir sitzen auf den Felsen, die Brandung schlägt über unsere Beine. Sie sagt mir es ginge ihr gut da wo sie ist. Sie sagt, dass sie mir verzeiht.
Ich halte ihre Hand, als ich sie küssen will dreht sie den Kopf weg. Sie sagt mir dass sie Hunger hat.
Als ich aufwache fühle ich mich leer.

21. März
Innen bin ich leer. Die Sorge um Therese frisst mich innerlich auf. Ich esse viel. Die Vorräte gehen langsam aus. Umso mehr ich esse, umso hungriger werde ich. Die Müdigkeit macht mit mir was sie will. Der Hunger tut sein übriges. Ich fürchte nicht mehr wachen zu können. Ich wage nicht mehr Thereses Tür zu öffnen. Der Schlaf könnte mich übermannen und sie schutzlos im Turm lassen. Das feuchte Wesen kehrt jede Nacht wieder.

22. März
Ich verlasse die Treppen nicht mehr. Der Nebel hat alles hohl werden lassen. Die Wände hallen wieder vom dumpfen Schlagen der Wellen, irgendetwas ist im Turm. Ich spüre es. In den Nebeln schärfen sich meine Sinne. Ich rieche Therese, höre ihr leises Seufzen. Ich spüre das Meer und die Kälte. Die Leere in mir sehnt sich nach dem Wasser. Obwohl ich ständig wache und nur ab und zu ein paar Augenblicke schlafe, kehrt das Wesen wieder. Ich habe es akzeptiert. Therese wird es auch akzeptieren. Kurz dachte ich heute: sie wird es akzeptieren so wie ihre Mutter.

23. März
Ich will schlafen. Will bei dir sein. Du bist so schön. Da im Wasser wo dich meine Leere hingelegt hat. Ich bin hungrig nach dir. Im grauen Meer will ich ertrinken. Will mich voll saugen im hungrigen Nebel. Sie blickt mich an. Ihr wunderschönes Gesicht ist blass wie der Nebel. Aber hinter der Furcht sehe ich, dass sie es weiß; ich lasse sie nicht gehen. Nicht noch einmal. Ich hole sie in die Leere, ich fülle mich. Wir gehören zusammen.

Ende
Letzte Nacht habe ich zum ersten Mal von meiner Tochter geträumt.
Wir sind auf den Felsen gesessen. Sie hat mir verziehen.


Kommentare

Bjutiful!

Ana · 03.03.2014 20:40 · #

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