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H.P. Lovecraft zum Geburtstag

von am 20.08.2011 18:34, Rubrik literarisches

Eine kurze Würdigung des Meisters des kosmischen Grauens, der ebenso politischer Wirrkopf, wie Produzent von hochwertigem Angstkitsch war. Zuerst in Form einer Geburtstagsansprache. Angehängt ist der kurze Vortrag den ich bei der Lesung für das Kitsch-Heft über die Literatur der Angst und ihre gesellschaftlichen Interpretationsmöglichkeiten gehalten habe.


Er wurde am 20. August 1890 gegen 9 Uhr morgens in Providence Rhode Island geboren. Im selben Jahr wurde William Butler Yeats Mitglied des „Hermetic Order of the Golden Dawn“. Mit dem Namen „Daemon est deus inversus“ („Der Dämon ist ein umgedrehter Gott“) ausgestattet schrieb er in einem Essay über Magie: „Ich glaube an die Vision des Wahren in den Tiefen des Geistes, wenn die Augen geschlossen sind.“

Das Geburtsjahr seines Mitmagiers im Orden, „Das große Tier“, Aleister Crowley, 1875 bezeichnete er als „neue Phase in der Drehung des Weltrades“. Und wirklich beginnt hier in der Zeit der Geburt des größten Magiers der Moderne eine neue Phase die HP Lovecraft wie kein anderer repräsentiert.
Während sich seine Vorbilder Algernon Blackwood, Lord Dunsany und der große EA Poe ihren Geist noch eher zögerlich in die Weiten des Universums entließen, startet Lovecraft eine Expedition in ungewissen Raum und damit in die Abgründe der menschlichen Geistesverfassung.

Johann Gottfried von Herder, der Dichter und Nationalist der Weimarer Klassik, schreibt unter dem Titel: „Unsere Erde ist ein Stern unter Sternen“:
„Vom Himmel muß unsre Philosophie der Geschichte des menschlichen Geschlechts anfangen, wenn sie einigermaßen diesen Namen verdienen soll. Denn da unser Wohnplatz, die Erde, nichts durch sich selbst ist, sondern von himmlischen, durch unser ganzes Weltall sich erstreckenden Kräften ihre Beschaffenheit und Gestalt […] hat, so muss man sie zuvörderst nicht allein und einsam, sondern im Chor der Welten betrachten, unter die sie gesetzt ist. Mit unsichtbaren, ewigen Banden ist sie an ihren Mittelpunkt […] gebunden.“

Lovecraft beginnt eine literarische Reise ins Herz des Kosmos, bis zum wahnsinnigen Zentrum unserer Existenz. Dabei wandelt er auf den Spuren der wichtigsten Magier unserer Erinnerung.

Der Engländer John Dee verkehrte im 16. Jahrhundert mit Engeln, übersetzte ihre Sprache und schuf ein interstellares Kompendium der Aussprache mit den Himmelswesen. Von ihm stammt angeblich der Ausspruch: „Die Kräfte die unsere Welt gestalten, sind größer als diese selbst.“
Ob er wirklich mit Engeln, oder doch eher den berüchtigten „Farben aus dem All“, oder den Sternevampiren kommunizierte werden wir nicht klären können.

Der jüdische Philosoph und Aufklärer Salomon Maimon rief mit Blick auf den kalten Sternenhimmel Ende des 18. Jahrhundert aus: „Erhaben ist das Unendlichgroße, wozu wir uns in unseren Gedanken immer nähern, das wir aber nie völlig erreichen können.“

Es passiert tatsächlich etwas. Im 19. Jahrhundert wird mit der romantischen Philosophie all das was zuvor dem Mythos angelastet wurde, was Götterglaube in die allgemeine Vorstellung mühelos integrierte, was die Aufklärung als naturwissenschaftliches Phänomen zu erklären bemüht war, unsicher.

Die alten Grenzen von Tod und Erlösung werden gesprengt. Bei Lovecraft heißt sich dem Erhabenen zu nähern, sich den Grundprinzipien des Kosmos zu nähern. Der Naturkatastrophe, dem psychischen Zerfall: Cthulhus. Dem nuklearen Chaos im Zentrum des Universums: Azathoth. Der vierten und jeder folgenden Dimension, dem nicht-euklidischen Raum: Yog-Sothoth. Dem Wühlen im Erdinneren, dem Beben und den verschlingenden Höhlen unserer Vorzeit Shudde-Mel. Dem absoluten Tabu, dem unaussprechlichen, dem Inzest: Hastur.

Die großen Alten sind Götter über den Göttern. Sie kommen von den Sternen und leben in unseren Hirnen. Der Tod wird lächerlich vor dem Wahnsinn, der eine Annäherung an ihre Erhabenheit bedeutet. Das Jenseits wird sinnlos, denn in den Traumlanden warten nur die Dunkeldürre um ihre schreienden Opfer von den Hängen des Ngranek zu schleudern. Und selbst das Grab, das dem Gothic-Horror noch Ort des ästhetischen Grauens ist, wird zur Fressplatte halbtierischer Raufbolde, der Ghule.

Lovecraft ersetzt Schauer durch Grauen. Er tauscht die Demut vor dem Jenseits durch die trockene Zurschaustellung der Bedeutungslosigkeit des Menschen angesichts der Mächte die ihm gegenüber stehen.

Kunst ist die Näherungsweise an das Erhabene. Das was unsere Gesellschaft Wahnsinn nennt ist Teil der Annäherung. Die Magier haben das erkannt. Aleister Crowley hat es ihnen tanzend und singend vorgemacht.
Alan Moore der Magier der Bilder, der Schöpfer von From Hell und Watchmen, spricht es aus: „originally there can’t have been any difference between magic and art“.

Lovecrafts Magie, sein Werk, ist die beständige Annäherung an den Wahnsinn der in allen Dingen lauert. Das Erhabene an seiner Kunst ist das Wissen darum, dass der Mensch zwar einzigartig, aber nicht alleine ist. Immer ist er bedroht von Seinesgleichen.
Der Mensch ist für Lovecraft wert zu leben, er existiert nicht nur auf den Tod hin. Aber im Erkennen der Wahrheit, das das Leben ständig bedroht ist, der einzelne den großen Alten, diesen Monstren der Vorzeit, wie dem Hobbesschen Behemoth ständig ausgeliefert ist, überschreibt er sich freiwillig dem Wahnsinn. Das was die Helden der Geschichten des kosmischen Grauens ständig aus den Augenwinkeln zu sehen meinen, ist nicht das ganz Andere, sondern es sind sie selbst. Es ist die tiefste Paranoia vor dem Anderen das aus dem kalten All noch kommen mag, oder schlimmer: was wohl nicht mehr kommt. Denn wenn die äußeren Götter ausbleiben, dann ist der Mensch der Herr seiner eigenen Vernichtung, die er mit Atomkraft und Holocaust beständig vorantreibt.
Theodor Adorno schreibt in der Negativen Dialektik:
„Wäre tatsächlich unter allen Gestirnen allein die Erde von vernünftigen Wesen bewohnt, so wäre das ein Metaphysikum, dessen Idiotie die Metaphysik denunzierte; am Ende wären die Menschen wirklich die Götter, nur unter dem Bann, der ihnen verwehrt, es zu wissen; und was für Götter! – freilich ohne Herrschaft über den Kosmos, womit derlei Spekulation zum Glück wiederum entfielen.“

Gegen diesen Gedanken, einer blinden Gottheit Mensch, die uns durch die Geschichte führt revoltiert der menschliche Verstand. Lovecraft spiegelt ihm diese Bilder in den Grundkräften des Universums als außermenschliche Monstrositäten zurück und sagt so mehr über die Menschen als über die finsteren Götter selbst. Lovecrafts Werk ist nicht nur Komplement des Grauens, es ist das Grauen selbst.

Wir danken HP Lovecraft für die Magie seines Werks und für das kosmische Grauen, dass uns das irdische auf drastische Weise begreifbar macht.

Es folgt der Abdruck meines Vortrags über HP Lovecrafts kosmisches Grauen im Rahmen einer Veranstaltung von aerosol vor ca: einem Jahr.

Das kosmische Grauen im Werk des H. P. Lovecraft
Zum Verhältnis von Angst und Gesellschaft

Ich selbst war als Kind betört vom morbiden Charme des Außerweltlichen im Werk des H. P. Lovecraft und ohne das ich hätte sagen können was mich fasziniert war es von Beginn an eine süchtigmachende Erfahrung die phantastischen Einfälle dieses Autors mitzuerleben. Seitdem ist ein wenig Zeit vergangen und ich nähere mich diesem Kosmos des Grauens immer noch mit einer gewissen Ehrfurcht. Mittlerweile habe ich aber den Vorteil mich der Materie auf eine neue Art annehmen zu können. So phantastisch wie es scheint ist das Werk Lovecrafts nämlich nicht. Es ist im Gegenteil sehr nahe an der Realität und hat dabei eine durchaus überraschende Qualität die unbewusst viel über die Zusammenhänge von Angst und Gesellschaft aussagt.
Sigmund Freud bemängelt in seinem Aufsatz über „Das Unheimliche“, dass sich die Ästhetik lieber mit den schönen als den abstoßenden oder peinlichen Dingen beschäftigt. Im Folgenden möchte ich sowohl über Abstoßendes als auch Peinliches etwas sagen.
Der 1937 verstorbene Autor Howard Phillips Lovecraft hat sich sein Leben lang vor der Welt geekelt und gefürchtet. Er hat in seinem Werk seinen Ekel und seine Angst hinterlassen. Diese Angst ist Angstkitsch im literarischen Sinn und der Autor war ein begabter schreibender Phantast und kein explizit politischer Kommentator. Da sein Werk aber zum Großteil auf einer paranoiden Beziehung zu seiner Umwelt beruht, ist es auch eine literarische Darstellung des Problems der Angst in einer Gesellschaft. Dieser These möchte ich hier, ausgehend von dem Gedanken, dass nur der furchtlose Mensch wirklich frei entscheiden kann, nachgehen. Assoziationen an aktuelle politische Ereignisse sind nicht beabsichtigt, aber erwünscht.

Das kosmische Grauen, dass Lovecraft umtrieb geht über den Horizont des üblichen (Allerwelts-) Grauens weit hinaus und entwickelt so die starke Neigung zu einem unfreiwillig kitschigen Ton. Kitsch deshalb, weil in Form und Inhalt seines Werkes gesellschaftliche Widersprüche nicht zur Darstellung kommen, im Gegenteil sich immer wieder kathartisch lösen können. Kitsch auch aufgrund der starken Übertreibungen, der Sprachwalzen welche die unglaublichsten Ereignisse an den Formulierungen banal erscheinen lassen. Zu vieles ist „bizarr“, „ungewohnt“ und „von behauenen Monolithen eingesäumt“ (Der Schatten aus der Zeit) als das sich erzählerische Spannung über die Struktur der Geschichten noch aufzubauen vermag. Die Protagonisten sind oft nicht einmal verrückt, sondern durch außerirdische besessen oder Traum- und Zeitreisende (Die Traumsuche nach dem unbekannten Kadath; Der Schatten aus der Zeit). Wenn sie dabei Entscheidungen treffen die einem Betrachter irrational, oder gewalttätig erscheinen so rechtfertigen sie diese immer wieder mit den dunklen kosmischen Kräften denen sie ausgesetzt gewesen wären. Weggefährten entpuppen sich als Maschinenboten von Aliens (Der Flüsterer im Dunkeln). Kosmische Naturgewalten nehmen der unmittelbaren Natur ihre Bedrohlichkeit. Affekte werden durch die Wirkung fremdartiger Intelligenzen scheinbar sublimiert. Außenseiter wie Wilbur Whateley inkarnieren dunkle Gottheiten. (Das Grauen von Dunwich)

In seinem literaturhistorischen Werk „Die Literatur der Angst“ postuliert Lovecraft:
„Die älteste und stärkste menschliche Gefühlsregung ist die Angst, und die älteste und stärkste Art von Angst ist die Angst vor dem Unbekannten.“
Es bedarf Laut Lovecraft schon eines gewissen Maßes an Einbildungskraft wenn man sich wirklich fürchten will. Er schreibt: „Eine bestimmte Atmosphäre atemloser und unerklärlicher Furcht vor äußeren, unbekannten Mächten muß vorhanden sein, und die schrecklichste Vorstellung, die das menschliche Gehirn befallen kann […] muß angedeutet und mit einer dem Gegenstand angemessenen Ernsthaftigkeit und Gewichtigkeit zum Ausdruck gebracht werden.“
Der Prüfstein für das „wahrhaft Unheimlich-Übernatürliche“ ist somit ob im Leser ein Gefühl hervorgerufen werden kann „mit unbekannten Sphären und Mächten in Berührung zu kommen“. Lovecraft schreibt das Erbe dieser „eng mit Urgefühlen verknüpften Form“ der Angst, einer von ihm postulierten, Erinnerung an eine „untersetzte mongoloide Rasse“ zu, deren Kulte sich im geheimen noch erhalten hätten.

Der Glaube an eine solche Vorrasse herrscht auch bei den Menschen vor, die den (von Lovecraft erfundenen) Teil der Erde zwischen Dunwich und Innsmouth bevölkern.
Diese Menschen werden passiv in die Ereignisse die Angst hervorrufen verstrickt und sie werden von diesen Ereignissen gleichsam in Geiselhaft genommen. Für sie wurde durch den Kosmos bereits entschieden. Sie stehen völlig im Bann des kosmischen Grauens. Sie sind, wie Claude Ernoult schreibt, „beschränkte, abergläubische, verschlossene Kreaturen, die eine Gesellschaft ohne soziale Bindung bilden“. Zum Ausgleich dafür verfügen sie in einem beschränkten engsten Kreis über „eine Art kollektives Bewusstsein“ wodurch sie „anderen Menschen gegenüber unzugänglicher, jedoch einer aus ihrer Gruppe kommenden Beeinflussung gegenüber zugänglicher werden.“ Diese Menschen sind reine Staffage. Zugleich sind sie aber so sehr Teil dieser Welt, das ohne sie das Grauen wirkungslos bliebe. Es sind hilflose Kreaturen deren instinktives Misstrauen sie stets veranlasst, „lieber mit dem Seltsamen zu leben, als jemand Außenstehenden in ihre Angelegenheiten einzuweihen“, oder aber diese selbst zu lösen. Sie tasten das Grauen nie an.

Die Kombination aus beständiger Furcht vor dem Unbekannten und der beständigen Exponierung gegenüber den zahlreichen unverständlichen Wesen und Mächten aus Lovecrafts Kosmos reproduziert in literarischer Form die paranoiden Wahnvorstellungen dieses dynamischen Idealisten. Luxus war für Lovecraft, der im Leben weder reich noch besonders berühmt wurde, die Reinheit seiner paranoiden Projektionen im Schreiben zu erhalten. Im Schreiben das kalte Universum als Ursache menschlichen Leidens vorzuschieben um die eigene Angst zu rationalisieren.
Von dem von ihm bewunderten Edgar Allan Poe übernahm er, was er als „Philosophie kosmischen Verfalls und Untergangs“ bezeichnete. Er schreibt zwar in einem seiner Briefe „… man ist nie weit vom Affen oder Anthropoiden entfernt …“ (zitiert nach Rottensteiner: 401) und suggeriert damit eine gewisse Fähigkeit zur Selbstreflexion. Seine Heimat Neuengland ist für ihn aber ein „heiliges Gebiet“ dessen Bedrohung in der Mehrzahl seiner Äußerungen eindeutig nur von Außerhalb kommt. Das heilige Land wird in einer Vielzahl seiner Briefe von „italo-semitisch-mongoloiden“ Horden überrannt. Vom „affenähnlichen“ Portugiesen zum „rattengesichtigen“ Juden tauchen in L.s Briefen alle Menschen von Außerhalb auf. Nur Amerikaner protestantisch englischer Herkunft bleiben ausgespart.
Er spricht von „gelben, seelenlosen Feinden“ und will sich um diese zu bekämpfen von den „humanitären Hemmnissen des syrischen Aberglaubens“ befreien um eine „Massendeportation auf wissenschaftlicher Grundlage“ durchführen zu können, die der durch ihn wahrgenommenen Überfremdung/Entseelung entgegenwirkt.
Das kosmische Grauen entlarvt sich hier als die Angst eines Kleinbürgers um sein Wohnviertel. Nicht umsonst ist eine seiner frühen Geschichten die Beschreibung des Lebens in einer Straße, die mehr und mehr von „Kommunisten“ und „braunen Menschen“ bevölkert wird und dadurch ihre Seele verliert. (Die Straße in: Azathot)
Beunruhigender an dieser Vorstellung wäre doch, dass diese Straße überhaupt eine Seele hat!
Lovecrafts Fixierung auf Dinge entstammte aus seinem Festhalten an der Zeit seiner Jugend die er idealisierte. Er glaubte nicht an eine unsterbliche Seele und das Alter bedeutete ihm nur den Tod. Er entwickelte „Leidenschaftliche Anhänglichkeit an sein Mobiliar“ wie Lyon Sprague De Camp in seiner ausführlichen Biographie Lovecrafts feststellt. Sein Reifeprozess war „in der Teddybär-Phase stehen geblieben“.
Trotz vieler persönlicher Freundschaften dürfte es bei Lovecraft so gewesen sein, dass er „die Menschheit auf abstrakte Weise hasste“. Im Stress der Großstadt New York, wo er einige Zeit lebte entwickelte er eine neurotische Besessenheit von Nebensächlichkeiten. Er schrieb in seinen Briefen seitenweise über „Kämpfe mit Ölheizern, Beleuchtungskörpern, Weckern, Mausefallen und Mantelknöpfen“ und erblickt in New York eine „mischlinghafte Moderne“.
Dieses Gefühl der Unzugehörigkeit und die damit verbundene starke Abneigung gegenüber der modernen Welt, die sich immer weiter entwickelt und nicht in den für Lovecraft bevorzugten Bahnen verlief entstammt der Weltsicht dieses angstvoll gebildeten Mannes.
S.T. Joshi schreibt Lovecraft die Pflege eines „kosmischen Indifferentismus“ zu, der als mechanistischen Materialismus verstanden werden muss. Die philosophische Vorstellungswelt des H.P. ist komplex und bildet vielschichtig die Unzulänglichkeit und das beständige ängstliche Gefühl des Autors ab. Für ihn ist das Universum ein von starren Gesetzen regulierter Mechanismus in dem alles Dasein unausweichlich kausal verknüpft ist. Zufall ist somit unmöglich. Sein Leben damit schon (auf grauenhafte Weise?) determiniert. . Das Dasein ist in jeder Form materieller Art. Es kann keine andere nichtmaterielle Substanz wie Seele oder Geist geben. Das Universum existiert immer schon und würde es endlos tun. Die Idee eines Zwecks des Ganzen ist eine rein menschliche Vorstellung, daher sind ethische Normen nur in Näherungswerten erreichbar. Absolute objektive Moralität gibt es in diesem Bild der Welt nicht. Daher sollen die Menschen das Moralgesetz beibehalten das sie durch Zugehörigkeit zu einem bestimmten Kulturkreis erworben haben. Dieses kulturelle Erbe hält für Lovecraft zumindest die Illusion von Sinn und Zweck in einem ansonsten leeren Universum aufrecht und rechtfertigt einen indifferenten Partikularismus aus Angst vor der Begegnung mit dem Fremden.

Giorgio Manganelli schreibt: bei Lovecraft gibt es nur Hölle, kein Paradies. „… die Hölle ist die Generalstabskarte des Universums.“ Man sollte anfügen: Das Universum Lovecrafts ist ein kleiner Teil Neuenglands.
Das Maß an Einbildungskraft, das für Lovecraft in seiner Studie über „Die Literatur der Angst“ die wichtigste Bezugsquelle für die Vermittlung von Angst ist, stellt eine wichtige Komponente für den literarischen Kitsch des kosmischen Grauens dar. Die paranoide Bewusstseinsform bietet sich hier als genauere Generalstabskarte von L.s Universum an. Wie Adorno und Horkheimer in der Dialektik der Aufklärung schreiben, gehört zur Wahrheit Einbildungskraft und dem an dieser Beschädigten kann es stets so vorkommen, als ob die Wahrheit phantastisch und seine eigene Illusion die Wahrheit sei. Die von ihm beschriebenen Menschen sind die Protagonisten dieser Weltsicht. Hier trifft die in seinem Werk enthaltene Analyse der Gesellschaft und lässt einen Funken Wahrheit durchblitzen. Die Menschen, die seine Schriften bevölkern sind Menschen die einem ständigen Grauen ausgesetzt sind und vor Angst ihre Menschlichkeit verlieren. Ihre Fähigkeit sich frei zu entscheiden ist ihnen durch die Angst vor dem Anderen und den unbedingten Willen zur partikularistischen Perpetuierung der Differenzen genommen. Der Kitschig in Lovecrafts Werk lässt es so aussehen, als hätten sie guten Grund dafür und würden nicht selbst beständig ihre Unmündigkeit und ihre irrationalen Affekte reproduzieren.

Der amerikanische Schriftsteller und Literaturkritiker Edmund Wilson meint zu Lovecrafts Werk: „Das einzige wirkliche Grauen in den meisten dieser Erzählungen ist das Grauen schlechten Geschmacks und des Kitsches.“
Lovecrafts Rhetorik beruft sich laut Wilsons launigem Kommentar auf ein „Reservoir von Klischees“ und profitiert von Wörtern die immer wieder auftauchen und „richtige lexikalische Institutionen des Grauens“ bilden. Die Monstren in der Geschichte „Pickmanns Modell“ sind aus „warm zerfließendem Gummi“ und erinnern so an die Masken von Monstern aus billigen Horrorfilmen. Die Möglichkeit der von Lovecraft vehement geforderte Einbildungskraft reduziert sich bei ihm selbst auf das durch Filmproduzenten herstellbare Grauen des schlechten Geschmacks.

Beständig ist von unbekannten, nicht nennbaren Mächten die Rede, die aber gleichzeitig omnipotent hinter allem lauern, alles beobachten und durchdringen können, wenn sie sich auch in einigen Fällen als ignorante halbidiotische Wesen herausstellen (Azathoth). Wie es scheint handelt es sich beim kosmischen Grauen um eine phantastische Verschwörungstheorie.
Die Adjektive: schrecklich, furchtbar, entsetzlich, furchteinflössend, seltsam, unheimlich, verboten, unheilig, ungeweiht blasphemisch, höllisch, infernalisch, zyklopisch, krankmachend werden beständig benutzt. Formulierungen wie „der ultimate Strudel des Gekreisches und dämonischen Irrsinns“ (Traumsuche) sind dominante Elemente von L.s Stil.
Zu dem Wilson lakonisch feststellt: “Sicherlich gehört es doch zu den ersten Grundregeln für das Verfassen einer wirkungsvollen Horrorgeschichte, nie eines dieser Wörter zu benutzen – besonders dann, wenn man am Schluss einen unsichtbaren pfeifenden Tintenfisch hervorzaubert.“
Der Angstkitsch des kosmischen Grauens hat natürlich etwas Komisches. Aber wenn man sich ansieht, was er mit den Menschen in Lovecrafts Welt anstellt sollte man das Lachen auf später verschieben.

Werke von H.P. Lovecraft:
Pickmanns Modell, in Cthulhu Geistergeschichten (15-39), Frankfurt 1963.
Der Flüsterer im Dunkeln, Lovecraft Lesebuch (163-241), Frankfurt 1987.
Das Grauen von Dunwich, Lovecraft Lesebuch (241-288), Frankfurt 1987.
Der Schatten aus der Zeit, in Lovecraft Lesebuch (321-397), Frankfurt 1987.
Azathoth (187-189), in Azathoth, Frankfurt 1989.
Die Straße (218-225), in Azathoth, Frankfurt 1989.
Die Literatur der Angst, Frankfurt 1995.
Sekundärliteratur:
Manganelli, Giorgio: Vorwort, in Cthulhu Geistergeschichten (5-15), Frankfurt 1963.
Rottensteiner, Franz [Hg.]: H. P. Lovecrafts kosmisches Grauen, Frankfurt 1997.
De Camp, Lyopn Sprague: H. P. Lovecraft, Himberg 2002.


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