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Im Treppenhaus

von am 24.02.2014 20:11, Rubrik


In unserem Treppenhaus sind kürzlich die Anhänger einer religiösen Sekte verendet. Sobald ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, bin ich wochenlang von ihnen belästigt worden. Als hätte meine Verletzung einen Geruch über ganze Stadtviertel verbreitet, der sie schließlich angelockt hatte…wie ein Blutradar bei einem Haifisch. So sind auch Sektenmenschen mit einem besonderen Gespür ausgestattet, das die bereits Geschwächten, die Armen und die Kranken auflesen soll.
Sie waren auf dem Weg zu meiner Haustür von einem Anfall überrascht worden, der beide zugleich durchzuckt und dahingerafft hat. Wie praktisch, dass gerade solche Momente bei Gläubigen minder tragisch ausfallen dürften, da sie doch inständig an einem Weiterleben nach dem Tode festhalten und der technische Teil des Verendens sie bis aufs weitere nicht interessiert. Erfreulich hinzu kommt, dass – wie uns Statistiken versichern – gerade die Fertilitätskurve, die Mortalität bei den meisten religiösen Sekten deutlich überspannt und deshalb der Tod dieser beiden, ihre holde Gemeinde eigentlich nicht weiter zu kümmern bräuchte. Denn sie werden jetzt nach der Vorschrift ihrer Religion als kleine Seelenteilchen in den Äther hinaufsteigen und uns noch einmal versichern, dass dieser Prozess nichts, aber auch rein gar nichts mit organischem Abbau toter Materie zu tun hat, sondern vielmehr auf das Konto einer intelligent gestalteten Herrgottsmasse geht, die für unsere Reste ein etwas gnädigeres Schicksal vorgesehen hat, als die üble Verwesung und Zersetzung des Körpers…
Für die, die den Tod erleben, ist der Tod eigentlich kein wirkliches Erlebnis, für die, die übrig bleiben, wird er dafür aber manchmal zu einem richtigen Fest. Wie für die Haushalte unserer Nachbarschaft, die sich hier an den zwei toten Missionaren ihre längst überfällige Ladung Vergnügen abholen. Sich an der Natur Abfall laben wie Maden am toten Fleisch.
Nicht erst, aber spätestens seitdem, ist unser Treppenhaus ein gefürchteter Ort – denn der Tod hat es nun tatsächlich bis zu uns in den Flur hinein geschafft, wo er doch sonst nur schüchtern durch den Flimmerkasten etwas aufblitzt und durchschimmert, um uns von seiner fleißigen Arbeit, das abgeerntete Fleisch, stolz entgegenzustrecken.

Ihre beiden Körper lagen übereinandergefaltet wie ein Stück Wäsche auf den Treppen und versperrten mir den Weg als ich meine Wohnung verließ. Sie fanden sich einfach immer zu den ungünstigsten Zeiten bei mir ein.
Immer wenn ich mir gerade Medikamente eigeflößt hatte für meinen sensiblen Magensaft, die ihn davon abhalten sollten sich selbst zu verdauen, standen und klopften sie an meiner Tür, wie ein unerwünschter Nebeneffekt von den Tabletten. Diese Form von Hausfriedensbruch hatte ich nie wirklich nachvollziehen können. Dieses Eindringen in die Privatsphäre. Unvermittelt und unangekündigt wie ein Überfall. Ich dachte zunächst es seien meine neuen Nachbarn, die nun die leerstehende, vormals von einer vereinsamten älteren Frau bewohnte Partei bezogen hatten. Frau Bs. Wimmern und die Versuche ihrer Haushälterin sie zu trösten, drangen oft durch die Wände bis in unsere Wohnung hinein. Dann eines Tages wurde sie von ihren vermutlich undankbaren Kindern entmündigt und in ein Heim abgeschoben. Doch es waren die Zeugen Jehowas, die jetzt beide zusammengeklappt in meinem Stiegenhaus lagen. Und für die ich nun hektisch einen Krankenwagen bestellen musste. Als die Sirenen sich vor unserem Haus aufbauten, kamen dann immer mehr Nachbarn aus ihren Wohnlöchern um den Wiederbelebungsversuchen beizuwohnen, die mindestens so schockierend sind wie das Sterben selbst…

Ich hatte bereits geahnt, dass diese Stiegen irgendwann irgendjemanden das Leben kosten würden. In unserem Haus leben nämlich vornehmlich ältere Menschen, die meistens Stunden brauchen um die Treppen hinauf in ihr Appartement zu kommen. Da sind solche Szenarien durchaus eine reelle Möglichkeit. Ich hatte mich nur gewundert, dass es dann nicht die hiesige Nachbarschaft, sondern die Jehowa Zeugen getroffen hatte. Die hatten wohl anders als die Anreiner, die letale Wirkung unserer Treppen unterschätzt.


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