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Oscar Wilde zum Geburtstag

von am 16.10.2011 12:18, Rubrik literarisches

Der Dandy und die Ästhetik der Uneindeutigkeit

Michel Foucault schreibt: „Im Wappen unserer Sexualität steht zuchtvoll, stumm scheinheilig die spröde Königin.“ (Foucault 1983: 11)
Während der Regierungszeit der Königin Victoria (1837-1901) befindet sich das Englische Empire auf dem Höhepunkt seiner Macht. Indien, China, Nordafrika, Australien, Kanada. Manchmal konnte es scheinen die ganze Welt gehöre der englischen Krone.


Trotz oder gerade auch wegen des weltweiten Unterdrückungs- und Ausbeutungsregimes des Kolonialismus ließ es sich als englischer Bürger ganz vorzüglich leben. Die konstitutionelle Monarchie garantierte Mitspracherechte der Gentry. Die wohlhabenden Schichten genossen die Vorzüge einer Demokratie ohne auf die Annehmlichkeiten einer Sklavenhaltergesellschaft ernsthaft verzichten zu müssen. Die Arbeiter wurden Tag und Nacht in den Fabriken verschlissen und was an Überschuss produziert wurde konnte immer noch gewinnbringend an die Kolonien verramscht werden. Die Opiumkriege zwischen England und China waren Resultat dieser Politik, die etwa die Chinesen zwang den Handel mit Opium in ihren Häfen zuzulassen.

Wichtig für das Verständnis von Oscar Wildes Werk ist die Moral dieses Imperiums der Gewalt. Die Familie, wie Friedrich Engels sich ausdrückt, als Keimzelle der bürgerlichen Gesellschaft, steht im Mittelpunkt dieser Moral. Nur sie ist anerkannte Lebensform und adäquater sozialer Ort für Erwachsene. So weit die Ideologie. Die Wirklichkeit sah anders aus.
Viele Männer des Mittelstands schoben ihre Heirat bis zum Aufbau einer gewissen finanziellen Sicherheit auf und besuchten bis dahin lieber Prostituierte als um die Aufmerksamkeit junger Fräuleins zu buhlen. Dagegen ist der Dandy letztlich eine galante Figur, die den Respekt der Damen zumindest insofern verdient als er es vermeidet zu Prostituierten zu gehen.
Daneben erschien die Prostitution vielen Frauen, hauptsächlich aus der Unterschicht, als Möglichkeit zur Aufbesserung des Einkommens und somit eine soziale Konstante mit hoher Relevanz für die Gesellschaftsstruktur im England des 19. Jahrhunderts.

Nach zahlreichen Fällen von Geschlechtskrankheiten im Militär wurden in den 1860er Jahren die Contagious Diseases Acts verabschiedet, die ärztliche Zwangsuntersuchungen bei mutmaßlichen Prostituierten, nicht aber bei Soldaten anordneten. Dies schien legitim, da „gefallene Mädchen“ als bereits verdorben galten. 1885 wurde ein Gesetz verabschiedet, das das Schutzalter anhob, höhere Strafen für Bordellbesitzer festlegte und homosexuelle Handlungen kriminalisierte.

Oscar Wilde war von allen diesen gesellschaftlichen Ereignissen betroffen. Er war Familienvater. Person öffentlichen Interesses. Mündiger Bürger. Dandy. Homosexueller. Sein Werk reflektiert diese heterogene Position in einer Gesellschaft die das Gleichsein zu ihrer Ideologie erhoben hat und darin zutiefst widersprüchlich agiert.

In einer seiner berühmtesten Schriften: „The soul of man under socialism“ benennt Wilde diese Widersprüche und betrachtet den Sozialismus als Weg aus ihnen heraus. Für Wilde befreit der Sozialismus „von der schmutzigen Notwendigkeit, für andere zu leben“ (Wilde 1970: 7). Der Mensch wird sich demnach nur deshalb nicht seiner selbst bewusst, weil Elend und Armut so „völlig entwürdigend“ sind und so eine „lähmende Wirkung“ (Wilde 1970: 14) auf die Individuen ausüben. Dazu kommt, dass gewohnheitsmäßiges Strafen die Gemeinschaft mehr verroht als gelegentliche Verbrechen. (Man muss dabei anmerken, dass im viktorianischen England eine weit aus brutalere, unjuristische Form der Bestrafung geherrscht hat als heute.)
Der Sozialismus bietet die Lösung an: Die Abschaffung des Privateigentums beendet den häufigsten Grund für Verbrechen und ermöglicht ein Leben das sich der Schönheit in allen Lebensvollzügen widmen kann. „Nur in freiwilligen Vereinigungen ist der Mensch schön.“ (Wilde 1970: 17)

In seinem Essay „Der Kritiker als Künstler“ schreibt Oscar Wilde: „Die Ästhetik steht über der Ethik.“ (Wilde 1999: 193)
Die Gesetzmäßigkeiten der Schönheit stehen über den sittlichen Verhältnissen. Oscar Wilde war bekennender Ästhetizist. In seinen Essays beklagt er den „Verfall des Lügens“, weil der Mensch „an das Unmögliche glauben [kann], niemals aber an das Unwahrscheinliche“ (Wilde 1999: 50).

Die Offenbarung die er für seinen Leser bereit hält ist, „dass das Lügen, die Verbreitung schöner, unwahrer Dinge, das eigentliche Ziel der Kunst darstellt“ (Wilde 1999: 55).
Das Lügen ist also das Oberste Prinzip guter Kunst. Aber ein guter Lügner ist für Wilde auch ein guter Kritiker. „Denn nur der kritische Geist erfindet neue Formen.“ (ebda: 115)
Herkömmliches Erschaffen wiederholt immer nur ohnehin schon Vorhandenes. Die Beschränkung auf ein Kunstprojekt, auf die eine Sache ist eine Selbstbeschränkung des Künstlers. Der wahre Kritiker lehnt eindeutige Kunstformen ab. Sie haben nur eine einzige Botschaft. Die reine unkomplizierte Heterosexualität etwa ist eines ästhetischen Menschen nicht würdig. Er wendet sich den Formen zu, die Träume und Stimmungen wecken. Kunst soll als Beitrag zu einem ästhetischen Leben „alle Deutungen wahr und keine Deutung je endgültig machen“ (ebda: 137). Im Uneindeutigen suchte Wilde Zuflucht.

In seinem einzigen Roman „The picture of Dorian Gray“ schreibt er: „All art is at once surface and symbol. Those who go beneath the surface do so at their peril. Those who read the symbol do so at their peril. It ist the spectator, and not life, that art really mirrors.“ (Holland 1994: 17)
Im 9. Kapitel des Romans verflucht der Maler Basil Hallward sein Bildnis des Dorian Gray: „I grew afraid that others would know of my idolatry. I felt, Dorian, that I had told too much, that I had put too much of myself into it.“ (Holland 1994: 89)
Er darf seine Liebe zum Gemalten nicht offenbaren. Im Bildnis des Dorian Grey praktiziert Wilde den ästhetischen Traum von Männern die nicht erkannt werden möchten. Er möchte in der Kunst verschwinden.
Basil sagt: „It often seems to me that art conceals the artist far more completely than it ever reveals him.“ Das Ziel der Kunst ist die Kunst zu offenbaren und dabei den Künstler zu verbergen. Basil zitiert Wilde. Wilde will ein Zwischenreich in dem er Ruhe findet für seine komplexe Persönlichkeit. Er lebt als Dandy, ist verheiratet hat zwei Kinder und ist homosexuell. Der ästhetische Ausbruch misslingt. Seine Kunst wird nur zum Leichentuch, das er ausbreitet um ästhetisch zu verbergen, was sich nicht leben lässt.
Seine Homosexualität war beständiger Reibebaum der viktorianischen Moral. Die Provokation durch den Vater eines seiner Liebhaber bringt ihn ins Zuchthaus. Die totale moralische Gleichschaltung kennt als Alternative nur die Permanenz des Ärgernisses. Selbst nach der Entlassung muss Wilde seine letzten Jahre in Frankreich verbringen. Seine Kinder nehmen andere Namen an. Der Roman Picture of Dorian Gray wurde bei dem Gerichtsverfahren gegen ihn wegen seiner Homosexualität als Indiz verwendet.
Dem Grund seines Falles seinem langjährigen Liebhaber Lord Alfred Douglas. Schreibt er aus der Haft einen sehr langen Brief. „To Lord Alfred Douglas“ (Hart-Davis 1962: 423-510)
Er beginnt mit „Dear Bosie, …“ (ebda: 423) und schreibt eine wundervolle Liebeserklärung gleichermaßen wie eine Anklage gegen die Gesellschaft und den Geliebten, der ihn in der Stunde der Not, zwar nicht verleugnet aber auch nicht zu ihm steht.
„Hate blinds people. […] Love can read the writing on the remotest star, …“ (ebda: 445).
„Morality does not help me. I am a born antinomian. I am one of those who are made for exceptions, not for laws. But while I see that there is nothing wrong in what one does, I see that there is something wrong in what one becomes.“ (468)
Und gegen Ende wie zur Selbstbestärkung: „Christ ist the most supreme of Individualists.“ (ebda: 479)

Ein trotziges Urteil über die viktorianische Epoche, die ihre Taten immer mit Gott und Vaterland rechtfertigt. Christus der größte Individualist, der komplizierteste der komplizierten Menschen. Für die ästhetische Sicht wird die Bigotterie der Gesellschaft an diesem Paradox sichtbar. Alles Fassade. Wenn der Christus auf den sich alle berufen, Viktoria ist seine höchste Priesterin, nur als Maske für den starren Glauben herhält, dann können die Menschen unter ihm nichts anderes tun. Lange vorher schreibt Wilde in einem Essay:
„Die Wahrheiten der Metaphysik sind die Wahrheiten der Masken.“ (Wilde 1999: 234)
Das Tragen der Masken ist Aufgabe der Bürger. Es sind auch sexuelle Charaktermasken in denen die Personen sich gegenseitig nur in ihren jeweiligen sexuellen Personifikationen gegenüber treten. Die Metaphysik der Gesellschaft wäre die Beschreibung der viktorianischen Ideologie als Moral der Homogenität die den Unterschied gewaltsam aus sich ausschließt. Wildes Fehler war, dass er zu kompliziert, zu vielfältig war für seine Welt, die ihn und seine Eskapaden bis zu dem Punkt tolerierte, wo sein Ästhetizismus drohte die sittliche Totalität dieses Imperiums der Gewalt zu sprengen.

Novalis Wort: „Wir sind dem Aufwachen nah, wenn wir träumen, dass wir träumen.“ (Schulz: 326) macht auf schmerzliche Weise bewusst, dass wir nicht in einer Welt leben die von Kunst erfüllt und durch Ästhetik geleitet wird. Zum Glück, könnte man sagen, denn die Ästhetisierung der Politik hat im Nationalsozialismus grausige Blüten getrieben. Dennoch ist es ernüchternd zu sehen, dass die gesellschaftliche Realität die komplizierten Menschen auch heute noch verfolgt.

Oscar Wilde wurde am 16. Oktober 1854 wohlhabenden Eltern in Dublin geboren. Er starb im Jahr 1900 mittellos in Paris. Aus seiner Heimat vertrieben und erschöpft von den Torturen der Kerkerhaft. Er hinterlässt uns ein Gefühl dessen was die Spannung unseres Lebens unterhalb der Maske ausmacht: die Uneindeutigkeit. Niemand hat nur ein Gesicht. Wir sind heute hier um ihm dafür unseren Dank auszusprechen.


Kommentare

“Die reine unkomplizierte Heterosexualität etwa ist eines ästhetischen Menschen nicht würdig.”
Herrlich, dieser Satz, man möchte ihm fast hinzufügen, sie macht krank und monogam.

Ana as the voice of Lord Henry · 16.10.2011 17:10 · #

Ein wunderbarer Nachruf, der zeigt, wie schön Oscar Wilde war.

Stephan mit ph · 17.10.2011 11:03 · #

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