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Wir Dämonischen

von am 04.06.2009 12:23, Rubrik philosophisches-politisches

„Hoch über Seinesglichen zu erheben,
Ja, mit dem Allerhöchsten sich zu messen,
Wär’ er dawider. Mit ehrgeizigem Ziel
Heillos begann er Krieg im Himmel, Kampf
Gen Gottes einzigen Thron und Monarchie“
(John Milton: Das verlorene Paradies)


Im Schreiben über ihre Vergangenheit erklärte die Aufklärung der Gegenwart den Krieg um sich diese dann gänzlich untertan zu machen. Die waghalsige Flucht vor dem barbarischen der äußeren Natur verkehrte sich mit der Genialität des Logos gegen das Unbezähmte in uns selbst und machte uns nach Außen zu Maskenträgern und nach innen zu Sklaven unserer Masken. Die subjektive Freiheit relativierte sich an ihren Möglichkeiten und die Moral entglitt unserem Unterbewussten wie sich die Göttlichkeit der Subjekte zunehmend relativieren ließ. Die kalte Asche der Aufklärung wirbelt noch vom letzten Beben der Barbarei des zwanzigsten Jahrhunderts durch eine zwiespältige Luft, in der die mythologischen Schicksalsmächte sich wieder mit Sinn füllen angesichts der Unbegreiflichkeit der entstandenen Desozialisierung von Natur und Denaturalisierung menschlichen Lebens.

Der Denker der auch schreibt tritt in dieser Kulisse als Wahnsinniger auf, dessen Werk nur für ihn selbst, für keinen anderen aber, Bedeutung erlangt. Ein Irrer, der etwas weiß was keinen Wert hat und der in einer transzendenten Klammer das Andere dieser Welt bei sich trägt.
Die Menschenwelt starrt auf den Aschennebel und atmet gierig die doppelte Luft aus Liebe und Tod, Mythos und Logos. Als denkendes Wesen bleibt man hilflos vor der Apathie die das Faktische erzeugt. Als Schriftsteller ist man dem Ausmaß des Ganzen auch in seinen Einzelteilen nicht gewachsen. Die Faktizität des Realen erstickt die Gedanken, die sich ihm von der anderen Seite her nähern. Die Wahrheit aber wäre, dass es anders sein kann. Das sich der Aschennebel nicht einmal zu legen braucht, dass die Wahrheit der Realität nicht in der Luft liegt, die man begeistert einatmet, sondern hinter ihr.

Das theologische Moment der Utopie führt aus dem vermeintlichen Paradies in eine gedachte Welt, die nur dem schreibend denkenden zugänglich wird und nur dem verständlich ist der verstehen will. Die Wahrheit dieser Welt liegt in der List, die sich der Geist nur beim Denken erlauben kann. Der Anspruch dieses Denkens führte allerdings weiter.
Dem Schriftsteller mag es ein Anliegen sein, doch tanzen seine Zeilen nur für die die das wollen. Er bleibt trotzdem ihr Schöpfer und nichts was er sagt darf so leichtfertig sein, dass die, daran ausgeführte, Utopie sich am Beispiel der Realität errichten ließe.
Was nötig wäre, wäre ein Dämon zu sein. Sich über die anarchische Aneignung der Wirklichkeit denkend zu erheben und das Neue nicht mehr im Leiden zu suchen.
Den Dämon treibt die Unruhe „aus sich selbst heraus, über sich selbst hinaus ins Unendliche“, wie Stefan Zweig, in der Einleitung zu seinem Werk „Der Kampf mit dem Dämon“, schreibt. Die Urangst des Menschen vorm Chaos muss als Vorbild dienen für die Richtung des Denkens, das sich der Systematik des Gegebenen bisher nur unter der Bedingung der Selbstverleugnung zu entziehen vermochte. Dem dämonischen in uns verdanken wir laut Zweig die Möglichkeit „unsere persönlichen Interessen spürerisch, abenteuerlich ins Gefährliche der Frage“ hinauszutreiben. Die Erschaffung des Anderen vollzieht sich in der Rauschkunst. In einem Aufwallen des Dämonischen und einem Ringen um die höchste Freiheit. Aber nicht um eine metaphysische Spitzfindigkeit handelt es sich, nicht um eine theologische Transzendenz; keine göttliche Offenbarung sucht der Dämon; er beansprucht keine allgemeine Wahrheit, nur den unbedingten Willen das-was-ist kritisch neu zu fassen in seinem Denken, um es für die Möglichkeit vorzubereiten ein anderes zu werden. Die Verachtung des realen Daseins liegt nicht in der Verachtung für das Leben, sondern in der Verachtung für den Tod; nicht in der Verachtung für die Menschen sondern in der Verachtung des Leidens; nicht in der Verachtung des Denkens sondern der Verachtung der Ignoranz des Faktischen.
Diese Verachtung des Realen ist aber, in unserer Gesellschaft um einen hohen Preis erkauft, wie Zweig erkennt, wenn er sagt: „Durch diese Verachtung des realen Daseins drängt alles bei den Dämonischen zu Spiel, zu Gefahr, zu gewaltsamer Selbsterweiterung und endet in Selbstvernichtung.“ Das Leben soll aber nicht als Tragödie gelebt werden, der Tod darf keinen Nutzen für den Dämon haben, insofern widerspreche ich Zweig. Die Verachtung realen Daseins darf nicht Mittel zum Zweck, darf nur geistige Anstrengung und Ausblick auf ein mögliches Anderes sein. Die drohende Selbstvernichtung darf nicht aus mehr als der Ausbeutung der eigenen Lebenskraft und des eigenen Denkens resultieren.

Diese Auseinandersetzung die der Dämonische führen muss, die gewaltsame Selbsterweiterung durch die geschriebenen Gedanken ist Aussichtslos. Er muss das wissen und diese Aussichtslosigkeit in sich selbst durch sein Genie verzehren. Wie Castellio, in Zweigs Geschichte der epischen Auseinandersetzung zwischen jenseitigen Rationalitäten, zwischen funktionalistischer und humanistischer Moral, „Castellio gegen Calvin“. Hier wird der Zeitkern objektiver Wahrheiten offengelegt und mit dem Satz, das die Geschichte „keine Zeit, um gerecht zu sein“ hat, die blinde Wahrheit einer beruhigenden Illusion enttarnt derer sich die Herrschenden bedienen, um Wahrheit für ihren Standpunkt zu instrumentalisieren.
Die denkenden Streitschriften Castellios unterliegen den Fakten schaffenden Edikten Calvins. Der Aufruf zur Toleranz, dem vermeintlichen Häretiker Servet gegenüber, bleibt wirkungslos. Der, staatlicher Zwangsgewalt entspringende, Mord am unerwünschten Servet geht mit der Eliminierung des für ihn opponierenden Castellio einher.

Die Dämonischen sind in sich und der Gesellschaft zugleich gefangen. Sich befreien können sie nur in ihren Texten. Der unbezähmbare Drang der Darstellung der eigenen Gedanken zeigt die reinste Form der Negation der Wirklichkeit, denn sie zielt nicht wie die negatorische Kraft der Religion auf die Versklavung der Menschen durch die Austreibung des Dämonischen, sondern auf die Freiheit der Individuen durch das Dämonische hindurch. Die Kreativität der Imagination verschafft dem Dämon den Vorteil vor der Wirklichkeit und überbrückt die Unausweichlichkeit der Faktizität. Im Denken löscht der dämonische Denker das Antlitz des Aschesturms auf und hält dabei die Luft an, bis ihm der Atem gänzlich erlischt.

Literatur:
Zweig, Stefan: Castellio gegen Calvin, Frankfurt 2006.
Zweig, Stefan: Der Kampf mit dem Dämon, Frankfurt 2007.


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