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Science-fiction und Geschichtsphilosophie (1): Isaac Asimovs "Foundation"-Trilogie

von am 14.03.2014 17:58, Rubrik philosophisches-politisches

Science-fiction beschäftigt sich mit der Zukunft und stellen in Folge dessen oft direkt oder indirekt Theorien darüber auf, wie wir dorthin gelagen. Im Folgenden einige Überlegungen anhand zweier Anschauungsbeispiele…


Wenn man über Geschichtsphilosophie und Science-fiction schreibt, fällt einem als erstes natürlich Isaac Asimovs Klassiker, die “Foundation”-Trilogie, ein. Asimov ist sicherlich einer der wichtigsten Vertreter des sogenannten Goldenen Zeitalters der Science-fiction.

Eine Inhaltsangabe: geht es um den Wissenschaftler Hari Seldon, der in einer fernen Zukunft (wahrscheinlich an die 12.000 Jahre von uns entfernt) mit Hilfe seiner Wissenschaft der Psychohistorie dem interstellaren Imperium, das die ganze Milchstraße umschließt, den Untergang prophezeit. Um das schreckliche, barbarische Interregnum von befürchteten 30.000 Jahren auf erträgliche 1.000 Jahre zu senken, gründet er die Foundation, eine Art Exilkolonie von Wissenschaftlern, die auf einem Planeten ganz am Rande der Galaxie alles Wissen bewahren und gleichzeitig zum Kern des neuen Imperiums werden sollen.

Größte Inspiration für die Space Opera war nach Asimovs eigener Aussage Edward Gibbons berühmtes Geschichtswerk “History of the Decline and Fall of the Roman Empire” aus dem 18. Jahrhundert. Dabei handelt es sich sicherlich um das wirkmächtigste Werk Geschichtsphilosophie, das im angloamerikanischen Raum in der breiten Allgemeinkultur angekommen ist. Dessen zentrale Aussage ist, dass das Römische Reich unterging, weil seine Bevölkerung dekadent wurde und klassisch-römische Militär-Tugenden vernachlässigte. Verkürzt: Das Imperium ging nicht an äußeren Feinden zugrunde, sondern an der inneren Dekadenz. Diese geschichtsphilosophische Ansicht findet sich so oft in allerlei Literatur wiedergekäut, dass man getrost von einem Klischee sprechen kann.

Die jahrhundertelange Popularität des Tropos kommt wohl nicht zuletzt auch daher, dass er wunderbar dem selbstgewählten Mythos des Bürgertums entspricht: Die dekadente Aristokratie geht gesetzesmäßig an sich selbst zugrunde, weil sie nicht die bürgerliche Tüchtigkeit besitzt. Ein Narrativ, das gerade in US-amerikanischen Vararbeitungen historischer Stoffe immer mitschwingt (und unausgesprochen auch das Narrativ der US-amerikanischen Sicht auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts mit der Ablöse des britischen Empires als ordnende Supermacht ist). So entstammt denn auch der mathematisch-wissenschaftliche Prophet der Foundation, Hari Seldon, der braven, arbeitssamen Mittelschicht, wie gleich zu Beginn des Weltraum-Epos eindringlich betont wird. Er nimmt es auf sich, das von der Dekadenz der Aristokratie zersetzte Imperium wiederauferstehen zu lassen.

Was auf den ersten Blick wie eine Utopie klingt (die Wissenschaftler retten das Universum, den Staat), dauert nicht lange an. Schon bei dem ersten Problem putschen die “Bürgermeister” der Foundation und setzen die Wissenschaftler ab (Hari Seldon ist längst tot und nicht mehr körperlich, sondern nur mehr als holographische Projektion – einer technologischen Pythia gelich – anwesend. Der Staatsstreich in der Foundation wird gar nicht als etwas Schlimmes dargestellt. Im Gegenteil: Er dient der Ermächtigung der tüchtigen Tatmenschen (die Bürgermeister… im wahrsten Sinne des Wortes), um die Foundation überhaupt handlungsfähig zu machen. Und es bleibt nicht dabei.

Nach einem missionarischen Intermezzo, in dem die Foundation um ihre Beherrschung der Atomtechnologie eine Religion aufbaut – weil der Zerfall des Imperiums sich dadurch äußert, dass alle anderen Grenzregionen plötzlich vergessen, wie man Atomkraft nutzt – wird die Foundation zur Oligarchie. Sogenannte Handelsfürsten erweitern die Foundation durch Freihandels-Imperialismus. Schließlich kommt es zu offenen Kriegen, die durch die inzwischen weit überlegene industrielle Produktionskapazität gewonnen werden.

Die ganze Zeit über ist stets klar, dass 1) alles unzweifelhaft und unabänderlich auf die Renaissance des großen Imperiums hinausläuft, was als Ziel niemals in Frage gestellt wird, und 2) alle politischen Entwicklungen immer bereits im “Seldon-Plan” vorgesehen und sogar laut diesem notwendige Etappen zur Wiedererrichtung des Imperiums sind.

Der “Seldon-Plan” nimmt für sich in Anspruch, sich moralischer Bewertung zu entziehen. Gleichzeitig wird als einzige Alternative zum Imperium Chaos, Barbarei und sogar technologischer Rückschritt präsentiert. Die gesamte Menschheit muss unter einer Herrschaft bzw. Staatlichkeit vereint sein, ansonsten herrscht Barbarei, so das Kredo. Dabei handelt es sich freilich um ein beliebtes totalitäres Rechtfertigungsschema, das auf einer falschen Lesart von Hobbes aufbaut. Entweder allesumfassender, totalitärer Staat oder Chaos und barbarischer Natuzustand. Wo es Hobbes um ein staatliches Gewaltmonopol geht, wird daraus in dieser Lesart sogleich ein absolutistischer und allumfassender Machtanspruch. Es gibt nicht Staaten nur den monolithischen Staat. Gedeih und Verderb kommen einzig aus seinem Inneren.

Die Foundation stellt sich somit weniger als wissenschaftliche Utopie heraus, sondern mehr als die ultimative konservative Wunscherfüllung: Ein monumentaler wissenschaftlicher Kraftaufwand, der – durch seine Erfüllung – der wissenschaftlichen Bestätigung des Schicksals dient. Ein Schicksal, das sich letztlich – ganz von platonischem Idealismus durchflutet – als nicht anderes herausstellt, als die Rückkehr zur guten alten Zeit.


Kommentare

Die bürgerliche Wunschmaschinerie läuft nur indem sie sich ständig selbst beschädigt. Die geschichtsphilosophische Konsequenz ist die Inkonsequenz ihrer eigenen Erzählung. Schön das einmal populärkulturell dargestellt zu bekommen. Science Fiction ist der Beweis, dass wir einerseits nichts ausdenken können, was wir nicht unweigerlich werden und das wir andererseits den Produkten unserer Phantasie nicht gewachsen sind. Und sei es auch nur auf geschichtsphilosophischer Ebene.

St.Max · 31.03.2014 11:12 · #

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