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Von der Unruhe in der Natur

von am 16.12.2011 19:48, Rubrik Rezensionen-Kritik

Rezension: Die Wetterhähne des Glücks und Die Totenkulterer von Kärnten. Zwei Litaneien, Klagenfurt 2011. [Verlag: Wieser]

„Wenn sich Jörg Haider am Vorabend seines Todes in eine andere Gesellschaft begeben hätte, würde er heute noch leben. Er hat nicht ahnen können, dass sein Sargnagel als steirischer Spazierstock, mit einem solargebräunten, abgegriffenen, rein-rassigen Bull-Terrier-Hundekopf am Knauf, neben ihm allzu lange als Speichellecker und Todesmensch daherstolziert ist, ihn schließlich in einer Schwulenbar auf die Palme, zum Saufen und Rasen gebracht hat, bis das ganze Blut abgespritzt ist vom Körper im Blechhaufen des VW Phaeton.“


Josef Winkler geht in die Luft. Er fährt aus der Haut. Er ist so empört, „die Goldfeder seiner Pelikan-Füllfeder spitzt sich von selbst“ und „schwirrt mit ihren Sätzen“ aus. Jedem seiner Sätze merkt man diese Empörung an.
„Ich bin Dichter von Beruf.“ Schreibt er in seinem frühen Text „Muttersprache“. „Vor wenigen Nächten träumte mir, dass ich ein Buch schriebe, das mehr Menschen dahinrafft als die Pest.“ (645)
Die Texte sprechen vom Tod. Es scheint manchmal, sie sprechen ausschließlich vom Tod. Der Gekreuzigte sieht den Menschen im Leben über die Schulter und zeigt schon von Anfang an, wo es hingehen wird. Aber es ist letztlich nicht der Tod, der Winkler umtreibt. Es ist die Unruhe, die durch den Verlust der Unschuld erzeugt wird. Die Verhandlung des Lebens wird immer kurz ausgesetzt. Atemlos heften sich seine Geschichten auf die Spur des Entjungferers. Eine tiefe Erschütterung macht sich bemerkbar. Etwas ist geschehen. Die Ruhe kehrt nicht mehr ein. Der Tod ist in Wahrheit ein Sturm, der uns in den Handlungen der Menschen gegenübertritt, als wäre er einer von uns. Die Selbstverständlichkeit des Verzichts auf die Unschuld, das freiwillige Abwerfen jeder Unberührtheit, das erregende Warten darauf sind Symptome der Welt, die in der Natur ihre Sehnsucht stillen will und dabei Natur nicht einmal erkennen würde, wenn sie sich im schwarzen Rausch des Verfalls zu erkennen gäbe. „Die Wetterhähne des Glücks und Die Totenkulterer von Kärnten“ sind „Zwei Litaneien“ wie der Buchtitel angibt. Die Anrufung trifft den Punkt des Totenkults. Die Gekreuzigten treffen sich zum Schlagabtausch. Die Bühne ist das Golgotha des Südens: Kärnten. In Wahrheit ist es ein Pamphlet, das hier vorgelegt wird. Ein Pamphlet, das aufbegehrt gegen den Verlust der Unschuld, der sich wie die Mysterien der katholischen Kirche immer wieder vollzieht. Aber es ist kein politisches Aufbegehren, keine Empörung im gerade so beliebten Sinn des augenauswischenden „Empört euch!“. Es ist eine tiefgehende Verstörung, die die Natur in die Verhandlung ihrer Existenz einbezieht. Die Unruhe, die im Leben herrscht, soll auch in den Text einziehen. Das, was ohnehin nicht zum Schlafen gebracht werden kann, soll doch wenigstens gezeigt werden. Die ganze prachtvolle Hässlichkeit der „Kapitalverbrecher und Wirtschaftsteufel“ soll sich zeigen und unter den „Goldflitter überzuckerten Flügeln“ hervorblitzen, auf dass uns Hören und Sehen vergeht. Die Unruhe, die die Gesellschaft erfasst, soll uns auch erfassen. Endlich! Aber nicht so. Nicht wie beim Empören. Winkler will es anders machen, muss es anders lösen, denn sonst setzte er sich in die selbe Suppe, nur mit einem anderen Löffel. Er geht sehr weit dafür, in die Suppe der „Geier und schwarzblauen Muränen“ spucken zu können. Er hält Distanz, auch wenn sie oft durchbrochen wird von der persönlichen Erfahrung, der Anfeindung durch den Mainstream der braunen Rackets.

Die Unruhe die den Winklerschen Text erfasst ist der Schellingschen Natur inhärent. Sie ist kein totes stilles Ding. Schelling stürzt sich auf die Ergebnisse der Aufklärung, will die Naturwissenschaft in die Philosophie integrieren und hält dabei so weit Abstand von der Rationalität, dass ihm die letzte Entscheidung doch wieder bei den Priestern besser aufgehoben scheint. Erst im Menschen öffnet die Natur ihre Augen; bemerkt sie sich selbst. Der Mensch ist Natur wie sein Denken, denn es gibt ein „Fortwachsen der Natur in die geistige Welt“ (Schelling: Zusammenhang der Natur mit der Geisterwelt, Band 4, 102). Natura naturans ist die schaffende Natur (Schelling: Aphorismen über die Naturphilosophie. Band 3; 693f). Natura naturata ist die erschaffene Natur. Die Dinge, die bestehen, sind Substanz, wenn sie einmal erschaffen wurden. Die Wirklichkeit besteht aus schaffender Natur und Substanz als Unendliches und Einzelnes. Wird das zum Unendlichen Strebende der Wirklichkeit im Rahmen eines Maßes in Grenzen geleitet, so erwächst daraus etwas Göttliches, die Idee. Sie ist die Natura naturans in jedem Ding. Das Schöpferische, das allem aus der Natur zuwächst. Ihre Seele, also ihre Gegenwart in der Wirklichkeit, erhalten diese Dinge aus „dem Gemüth der ewigen Natur“ (Schelling ebda 705) und die Seele ist „das allein Bewegende jedes Dings“ (ebda 709).
Die Veränderungen, denen die Dinge in der Natur unterliegen, werden wahrgenommen als Momente des „Lebens der Substanz“ (ebda 711). Die Substanz ist nichts „als die reine Luft des Bejahens, ohne Wahl, Unterscheidung“ (ebda 690). Die Natur ist die Objektivierung des göttlichen Subjekts, der Lebendigkeit. Bei Winkler zieht sich diese Lebendigkeit durch das Tote, tief hinein ins Fleisch.
Der Schöpfungsakt, der Kunstwerke hervorbringt, verhält sich ähnlich. Die intellektuelle Anschauung ist bei Schelling keine akademische Fleißübung, sondern ein erschaffender Vorgang, der direkt die Substanz trifft. Der Denker der Naturphilosophie ist der Priester der ewigen Zeugung. Josef Winkler ist der Autor einer eigenen Naturphilosophie.

Bei ihm dreht sich dieser Spieß, auf dem wir stecken, um. Wir lesen es im Text „Natura morta“. Die Stillstellung. Sie ist Natura naturata, bereits erschaffene Natur und dennoch mehr. Denn in ihr fängt sich der Augenblick ein, in dem wir erkennen, dass wir die Augen aufschlagen. Natura morta ist ein totes Ding, das man auch durch ein Kaleidoskop betrachtet nicht mehr lebendig kriegt. Dennoch schreit in diesem stillgestellten Moment das Leben wie sonst nur bei seiner Zeugung. Mit weißen Pfirsichen und einer Kerze am Sarg ist das Stillleben eingerahmt. Beides sind Orte des Todes. Die Pfirsiche geistern durch das gesamte Bild, kurz abgelöst von faulen Zitronen. Kistenweise faulen Zitronen. Die römischen Märkte im gleichnamigen Text skandalisieren das Leben durch die Aufdringlichkeit der in ihnen präsentierten toten Natur, die sich kunstvoll mit den schwarzen Achselhöhlen, den Narben der Kinder mischen. Ständig scheint es so weit. Die Totenmesse setzt erst zum Schluss ein. Seele offenbart sich zwischen dem Jauchzen der Händler nur als Trugschluss einer Welt, die das Erzeugen aufgegeben hat. Die Natur wächst bei Winkler in die geistige Welt und schleppt den Tod mit sich. Wie lange kann das gut gehen? Das Ersetzen der Seele durch Sprache. Sicher: „Sprachen sind Seelen.“ (Das wilde Kärnten 216) Aber weshalb sind dann die Totenfeste immer „größer und inbrünstiger als Hochzeiten, als die Feiern für ein neugeborenes Kind, größer als Faschingsfest und Erntedankfest“ (Das wilde wilde Kärnten 212)? Weshalb werden die Geschichten vom Ende her erzählt? Die Geschichte tritt auf als Sterbensgeschichte. Der Kalbstrick erwartet uns alle früher oder später. Aber in diesem Sterben liegt nichts Unanständiges, nur die Einlösung des Versprechens der Natur. Sie wandert lebenslang in unser Denken ein. Am Ende ist es auch mit ihr vorbei. Ihre scheinbare Allmacht geht am glücklichen Leben zugrunde. Der Verlust der Unschuld ist es, der das Glück restituiert. Winklers Charaktere haben sie alle verloren; bereits als Kinder. Aber sie haben den Tod nur gesehen, sind selbst keine Mörder. Winkler will die treffen, die ihn ohnehin nicht lesen, da sie bei jedem Satz von Qualen geschüttelt würden. Die Unruhe ist für sie bestimmt. Die Natur, die sie so weidlich ausnutzen, diese menschliche Krankheit, soll in sie einwandern. Durch den Text soll der Kadaver des Gekreuzigten unaufhaltsam auf sie zukriechen, das Kreuz hinter her schleppen, dass ihnen die Seele zerschlagen soll.

„Wenn es so weit ist“, wird im Tonkrug der Knochensud ausgekocht. Schwarzer Sud, der die Fliegen von den Augen der Pferde fernhalten soll. Dafür muss einer durchs Land fahren, die Knochen der Schlachttiere abholen. Die Bauern wiederum werden oft von den Fleischern wegen Tierquälerei angezeigt, wenn sie die Ketten, die um die Hälse der Stiere gewunden sind, nicht rechtzeitig abnehmen und also einwachsen lassen. Die Kette ist dem Stier dann eng geworden, schneidet ihm ins Fleisch und erfüllt den Stall mit Verwesungsgeruch.

Wenn man es historisch betrachtet, dann kommt der Leichnam, der unsere österreichische Familie belauert, nicht aus Varanasi in Indien; auch nicht aus Kärnten. Aber wir sollten nicht vergessen, dass auch der junge Josef Winkler schon aus dem Wörterbuch des Teufels zitiert: „Mitleid, ein versagendes Gefühl, selber zu den Verschonten zu gehören, eingegeben vom Gegensatz.“ (Das wilde Kärnten 248)

Wer sind die Verschonten? Wer die, mit denen wir Mitleid haben? Kultur in Österreich wird über ignorante Massenerregungen verhandelt. Die Kultur existiert als Cultura naturata. Mehr ist dazu nicht festzustellen. Josef Winkler will’s nicht einsehen. Wozu sonst die Fortzeugung als Fortsetzung. Zeugnis des Erstarrens. Das Stillleben nimmt überhand. Die Analyse, zwischen Old Shatterhand und Kuhgemetzel, das letztlich immer Menschenopfer fordert, bleibt die Gleiche. Die Form wächst über den Rand des Themas hinaus.

Sartre hält das künstlerische Schaffen für etwas, das aus dem Bedürfnis resultiert „uns gegenüber der Welt wesentlich zu fühlen“ (Sartre: Was ist Literatur? 36). Schreiben hieße demnach die Welt enthüllen und sie gleichzeitig „der Hingabe des Lesers als eine Aufgabe stellen“ (ebda 51). Adorno hält ihm entgegen, er personalisiere die Probleme der Gesellschaft. Sartre binde das Engagement an das Menschsein des Schriftstellers. Sartres Handfestigkeit in Form und Inhalt, die Deutlichkeit seiner Parolen erscheint in dieser Sicht als Problem. Man könnte fragen, ob man dann aufhören sollte, Probleme zu thematisieren, sie literarisch „anzueignen“? Man könnte darauf sagen, dass diese Probleme so gelagert sind, dass sie der Personalisierung nur bedürfen, wenn sie im Sinne der Unversehrtheit von Individuen nicht anders zu beheben sind. Aber Winkler lässt sich auf eine Kokketerie ein. Nicht nur nennt er beständig die Namen der Verantwortlichen, er idealisiert auf deren Kosten auch das Kollektiv. Die ehrlichen Steuerzahler werden anonymerweise zu Massenmärtyrern der Kärntner Polit-Gangsterclique. Kein Verbrechen, das von ihr begangen wird, dass nicht einem anständigen kleinen Mann geschadet hätte. Dabei bedürfte es der moralisierenden Spaltung ja nur als Kontrastmittel für das Nachzeichnen eines populistischen Bedürfnisses. Augenzwinkernd flunkert uns der Text vor, er wäre Travestie, es handle sich um eine Satire auf den hässlichen Wahlkampf der Kärntner. Selbstverständlich handelt es sich darum. Winkler spielt die Partitur der Verdammung auf dem höchsten Niveau und trägt in den Litaneien perfekt, perfid vor, was sonst nur ein Hohepriester vermag. Dabei allerdings hat man an manchen Stellen das Gefühl, sein Engagement rutscht ihm in die Gesinnung. Er malt zu grell und so wirkt die Unruhe aufgesetzt. Die Natur, die aus dem Stilleben hervorkriechen sollte, wie ein literarischer Rachegott, Natura morta, verkümmert zur Natura naturata. Der Aufschrei bleibt in der Kehle stecken und der Jesus verhungert am Kreuz.

Es ist nicht klar, wer die Verschonten sind, wer die, mit denen wir Mitleid haben sollten. Es ist klar, wer die Wahnsinnigen, die dem Leben im Namen der Natur den Krieg erklärt haben, sind. Die Volkstümler, die Nazis, die Abzocker. Winkler verspielt seine Rache, die so präzise trifft, wenn er seine Totenkleider aus Seiten von Karl May Büchern näht, wenn er selbst die Rolle des Winnetou, des wahren Jesus der Karpaten, annimmt. Diese Litaneien sind nicht im profanen Empörungssinn politisch. Sie sind sehr fein gestrickt und präzise vorgetragen, aber ein Text, der mehr Menschen dahinrafft als die Pest, sieht anders aus. Wahrscheinlich wirkt hier vielmehr das, was Susan Sontag dem Kunstwerk noch zutraut, eine „Art von Erregung“ (Kunst und Antikunst: 30), die den Autor ergriffen hat und die den Leser mit ergreift. Es ist nichts, was man fassen könnte. Nichts, was man im üblichen Sinne „begreift“, sondern etwas, das einen „ergreift“. So ist die Kunst der Überwältigung doch zu einem gewissen Grad gelungen. Aber sie lässt mich dennoch ratlos zurück.

Literatur:
Sartre, Jean-Paul: Was ist Literatur?, Hamburg 2006.
Schelling, F.W.J.: Ausgewählte Schriften, Frankfurt 1985.
Sontag, Susan: Kunst und Antikunst. 24 literarische Analysen, Frankfurt 2009.
Winkler, Josef: Das wilde Kärnten, Frankfurt 1995.


Kommentare

Ich denke ich spreche im Namen aller, die bis zum Ende gelesen haben: Dieses Weihnachten wird kein Freudenfest, liegt kein Exemplar unter dem Weihnachtsbaum.

PV · 16.12.2011 21:29 · #

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