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Zum Todestag von Mary Shelley. Die Gegensätze des Lebens: Gedanken über "Frankenstein"

von am 06.02.2012 17:46, Rubrik literarisches

“Alas! Victor, when falsehood can look so like the truth, who can assure themeselves of certain happiness?”
Das Monster spricht die Grundlage des neuen Prometheus aus. In Mary Shelleys „Frankenstein“ geht es um eben dieses Verhältnis von Wahrheit und Glück und es wird so verhandelt als könne man die elementaren Gegensätze der Welt an diesem Unterschied festmachen.


Letztlich wird der Glaube an diese Gegensätze und deren unreflektierte Vermischung zum Auslöser der Katastrophe von Schöpfer und Monster gleichermaßen, die ihre eigene kleine Welt in den Abgrund mitreißt. Wo sich mit Wärme und Kälte, Leben und Tod vermischen, so scheint Shelley sagen zu wollen, verschieben sich die Regeln der natürlichen Ordnung, machen einer ungeregelten Seinsweise Platz die alles was sie erfasst unweigerlich verschlingt. Dabei sind die Gegensätze des Lebens Teile des Lebens und das Unglück ereignet sich weil ein junger Arzt zu stolz ist den Tod als das kalte Ende der Existenz anzuerkennen das er ist.
Kälte ist der Tod, das Sachliche, die Dinge. Kälte kennt kein Begehren. Wärme ist das Leben, das Menschliche, das Glück, aber es ist um den Preis des Begehrens erkauft. Die „menschlichen“ Protagonisten in „Frankenstein“ suchen förmlich die Kälte. Auf Nordpolexpeditionen und in der Selbstisolation forschungsbedingter Klausur verbringen sie ihre Zeit und schließen ihre Lieben aus ihrem Leben aus. Frankenstein verdrängt alles andere reduziert seine sozialen Kontakte auf ein Minimum bei dem Versuch Gott zu spielen. Wir begegnen einem exzentrischen Arzt der seine Stiefschwester heiratet und davor noch beweisen will, dass er sowohl Zeugung als auch Geburt autark bewältigen kann, als kalte Geburt die sich durch ihre Monstrosität als Wagnis erweist, das mit der Expedition zum Nordpol vergleichbar ist. Kalte Geburten sind auch das Thema von Mary Shelleys Leben, so ist dieser aufwühlende Bericht einer Verwechslung von Wärme und Kälte vielleicht einfach nur eine Warnung davor was passiert wenn ein Mann allein ein Kind erzeugen will.

Mary Wollstonecraft stirbt nur Tage nach der Geburt ihrer Tochter Mary. Ihre Plazenta war beim Geburtsvorgang zerfallen wurde unsachgemäß entfernt entzündete sich und tötete sie. Mary Shelleys eigenes erstes Kind, ein Mädchen, starb ebenfalls 11 Tage nach der Geburt als Mary 17 Jahre alt war. Von da an hat sie Tagträume von dem Baby und eine Vision: das ihr Kind wieder zum Leben erwachte als sie es nahe dem Feuer warm rieb. Die frühen Möglichkeiten der Wiederbelebung waren ihr bereits bekannt. Sie hörte von ihrem Arzt er habe einen Seemann „wiederbelebt“.

In der Villa am Genfer See finden diese Episoden in den Diskussionen über élan vital, Lebensenergie, diejenige Energie, die lebende von unbelebten Gegenständen unterscheidet, ihren Widerhall. Das Luigi Galvani 1786 mittels elektrischer Energie Muskelkontraktionen in Fröschen ausgelöst hatte dürfte das Mäntelchen naturwissenschaftlicher Klarheit dessen eine solche Debatte bedarf, gewesen sein. Elektrizität wird als naturwissenschaftliches Äquivalent von Sympathie angesehen. Sie verbindet was nicht zusammengehört und weckt Leben worin keines war. FWJ Schelling der ferne Zeitgenosse Shelleys beschreibt mit seiner romantischen Naturphilosophie was dazu nötig ist. „Die Elektrizität eines Körpers ist auch seine Dualität“. Durch das Hinzufügen des Funkens wird die natürliche Eigenschaft des Körpers hergestellt in einer höheren als der chemischen Potenz zu erscheinen: es entsteht Leben. Kälte und Wärme werden künstlich zusammengeführt.
Das Thema der vitalen Wärme, das schon in der verzweifelten Vision über die Wiederbelebung ihres Kindes eine Rolle spielt, wiederholt sich als Überlegung zur Möglichkeit ein Wesen zu erwecken. Neues Leben zu schaffen. Dieses aber nicht wie romantischer Geniekult das vorschriebe aus einem Teil, ein Ganzes, sondern aus verschiedenen Teilen zusammengesetzt, ein Verschiedenes. Ein notdürftig geflicktes Wesen das nur im Labor und den Bedingungen die dort künstlich hergestellt werden bestand hat. Das klassische Spukzimmer muss in ein voll ausgestattetes Laboratorium umgebaut werden.

Frankenstein erschafft nicht gänzlich neu, sondern kombiniert nur Teile von Leichen (aus Leichenhallen, Gräbern, Schlachthäusern) zu einem neuen Lebewesen, wobei er sich auf das Faktum beruft das der tote Körper keinen gesetzlichen Status als reales Eigentum hat. Es war durchaus üblich, dass professionelle Leichenfledderer Körper an Anatomieinstitute und Ärzte verkauften.
Victor Frankenstein und das namenlose Monster werden im Moment der Erschaffung zur Dualität wegen eben dieses Mangels von Victors Werk und reproduzieren das Verhältnis von Wärme und Kälte als Prothesengott und Kreatur. Beide mehr Kälte als Wärme, beide mehr Mangel als Vollkommenheit und eben darum im schicksalhaftesten Sinn aufeinander angewiesen und doch lässt Victor das Monster alleine, spricht nicht mit ihm, schließt keinen Vertrag. Eine Kleinstgesellschaft im Naturzustand. Schöpfer und Geschöpf sind von da an ohne Regeln miteinander verbunden. Das Monster wird zum panoptischen Verfolger. Es ist potentiell überall anzutreffen, beobachtet durch Fenster. Die Forderung des Monsters seinem diffusen Begehren, das mit der künstlichen Wärme zu seinem Wesen geworden ist, ein Ziel zu geben (Frankensteins Braut), lehnt Victor ab. Die Konsequenz ist die Tötung Elizabeths (Frau/Stiefschwester) durch das Monster die dann auch für Frankenstein die Möglichkeit zu normativer sexueller Beziehung zerstört. Mit dem Mord an Elizabeth geht die Balance zwischen Erschaffer und Monster verloren. Es wird immer schwerer nachzuvollziehen wer wen verfolgt, oder wer wen manipuliert. Wärme und Kälte sind aus dem Gleichgewicht geraten.

Selbsterzogen durch die Beobachtung einer Familie und durch das Abschreiben sentimentaler Briefe wird das Monster süchtig nach Zuneigung und durch deren konsequente Verweigerung zum ebenso mitleidlosen Massenmörder. Das kitschige Bild von Wärme, mit dem es auf sich alleine gestellt erzogen wird, wird zur Zwangsvorstellung deren Nichterfüllbarkeit tödlichen Hass hervorruft. Letztlich geht es auch um diese Kälte. Frankenstein nutzt seine kalte analytische Seite dazu das Monster zu erschaffen indem er alle Beziehungen aus seinem Leben drängt. Das Monster nutzt seine Eigenschaften als Ding, seine kalte Macht um mit Gewalt zu holen was ihm gehört. Es meistert die Kälte (Alpen, Arktis) physisch während Frankenstein sie psychisch überwältigt. Beide haben das Konzept der Wärme nicht verstanden, jeder bezahlt dafür auf seine Weise. Am Ende im Zwiegespräch neben Victors Leiche vergleicht sich das Monster mit einem gefallenen Engel und verschwindet in die Kälte. Man sieht es nicht sterben, so wie Shelley nie ihre Mutter oder Tochter sterben gesehen hat. Mary Shelley starb am 1. Februar 1851 in London.


Kommentare

Der Nachruf ist wieder sehr schön geworden.

Stephan mit ph · 06.02.2012 21:30 · #

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